Verrostete Maschinen in einer verlassenen Fabrikhalle

Was ist Goli otok · Kapitel 10 von 16

Mermer und Velebit: Zwangsarbeit, Produktion und Gewinn

Maschinen in einem verlassenen Betrieb auf Goli otok

Das Unternehmen als Fassade und Leitungsinstrument

Viele auf Goli otok und Sveti Grgur hergestellte Produkte wurden außerhalb des Lagers verkauft, oft auch im Ausland. Die Produkte von Goli otok wurden als Erzeugnisse des Unternehmens Mermer ausgegeben.

Nach außen trat „Mermer“ als gewöhnliches Unternehmen auf, doch alle seine Produkte entstanden durch schwere körperliche Arbeit, deren Hauptzweck neben dem Gewinn die Quälerei der Häftlinge war. Innerhalb des Unternehmens arbeitete ein Technisches Büro, das den Bau der Lagergebäude plante und koordinierte (das Verwaltungsgebäude des „Großen Drahts“, die Pavillons und andere Bauten).

Die Struktur des Unternehmens, das mit anderen Wirtschaftssubjekten Geschäfte machte, wurde schrittweise ausgebaut und formalisiert: Mermer (ein kleineres Unternehmen mit begrenzter Produktion) → Kombinat Mermer (mehrere Betriebe und größeres Geschäftsvolumen) → Kombinat Velebit (reorganisierte Produktion mit Schwerpunkt auf Holz- und Steinbetrieben und breiterem Absatz, auch außerhalb Jugoslawiens). Die Produkte wurden dabei sowohl auf dem heimischen Markt als auch im Ausland abgesetzt.

Die Einnahmen von Mermer flossen teils in einen internen Fonds des Sicherheitsapparats, teils in den Staatshaushalt, während die Häftlinge für ihre Arbeit keinen Lohn erhielten.

Zwangsarbeitder Häftlinge ProdukteHolz, Terrazzo,Stein, Metall VerkaufJugoslawienund Ausland Fonds desSicherheitsapparats Staats-haushalt Lohn für Häftlinge: keiner
Wohin die Einnahmen flossenDer Mechanismus lässt sich beschreiben, die genauen Beträge sind jedoch nicht bekannt, da keine vollständigen Finanzberichte erhalten sind.

Vom improvisierten Lager zum „Wirtschaftssystem“ (1949–1956)

In der ersten Phase (1949–1950) richtet sich die Arbeit auf den Aufbau der Lagerinfrastruktur: Entladen von Material, Bau von Baracken, Zisternen und Anlegern. In dieser Phase dient die Arbeit vor allem der Errichtung der Lagerinfrastruktur.

In der zweiten Phase (1950–1953) wird die Arbeit mit dem Umzug in den „Großen Draht“ auf eine „industrielle“ Grundlage gestellt. Drei Hauptzweige etablieren sich: Holzverarbeitung, Steinverarbeitung (Steinbruch, Terrazzo) sowie eine Metall- und kleine Schiffbauwerkstatt. Gleichzeitig geht der Bau von Pavillons, Verwaltungsgebäuden, einem Krankenhaus und Lagerhäusern weiter – formal als „Arbeit für Mermer“.

In der dritten Phase (1953–1956) geht die Produktion in die Serienfertigung über. Terrazzofliesen werden in großen Serien hergestellt und in ganz Jugoslawien vertrieben. Parallel wird ein Sägewerk aufgebaut, und Holzeinschlag auf dem Velebit sowie der Transport zur Küste und nach Rijeka werden organisiert – die Arbeit reicht über die Insel hinaus, bleibt aber an das Lagerunternehmen und die Aufsicht der Dienste gebunden.

Die Phasen werden hier am größten, dem Männerlager, erläutert. Das Frauenlager durchlief ähnliche Phasen, wobei sich die Produkte unterschieden.

Drei Arten der Häftlingsarbeit

Die Arbeit im System Mermer/Velebit lässt sich in drei Grundkategorien beschreiben.

1) Aufbauarbeit (Bau des Lagers). Bau von Pavillons, Verwaltungsgebäuden, Krankenhäusern, Zisternen und Anlegern (Lagerinfrastruktur).

2) Straf- und „Umerziehungsarbeit“ (Disziplin und Zermürbung). Sinnlose Tätigkeiten (Steine aus dem Meer holen und wieder ins Meer werfen), die schwersten Arbeiten im Steinbruch, Sandgewinnung aus dem Meer sowie Arbeit bei Bora und ungeschützt (für die „Bestraften“). Aufforstung von Goli otok, bei der Häftlinge mit ihrem Körper Setzlinge vor der Bora schützten oder in der Sommerhitze Schatten spendeten. Der Zweck war in erster Linie disziplinarisch: Kontrolle und Brechen der Menschen durch Anstrengung, Ausgesetztsein und Demütigung.

3) Gewinnbringende Arbeit (Werkstätten und Produktion für den Markt). Arbeit im Sägewerk und in der Holzverarbeitung, Herstellung von Terrazzofliesen und dekorativen Steinobjekten, Arbeit im metallverarbeitenden Betrieb und in der kleinen Werft. Neben den Werkstätten arbeiteten einzelne Häftlinge in der Verwaltung (Buchhaltung). Die Arbeit in bestimmten Werkstätten und in der Verwaltung galt als privilegiert, während die meisten bei den schwersten Arbeiten im Steinbruch und auf den Baustellen blieben.

Mermer/Velebit und das „unsichtbare Budget“ der UDBA

Vollständige Jahresfinanzberichte für den Zeitraum 1949–1956 sind nicht erhalten. Ein Teil der Geschäftsunterlagen wurde später vernichtet, insbesondere nach der Absetzung von Aleksandar RankovićAleksandar Ranković (1909–1983)Jugoslawischer kommunistischer Politiker, langjähriger Chef des Sicherheitsapparats (der UDBA), enger Mitarbeiter Titos und von 1963 bis 1966 Vizepräsident der SFRJ. 1966, was genaue Berechnungen erschwert.

In der Literatur heißt es, dass die UDBAUDBAVerwaltung für Staatssicherheit (Uprava državne bezbednosti) – jugoslawische politische Geheimpolizei, zuständig für die Überwachung und Verfolgung tatsächlicher oder vermeintlicher Gegner des Regimes. das Unternehmen und seine wichtigsten internen Dienste leitete und dass die Einnahmen aus dem Verkauf von Holz, Terrazzo und anderen Produkten teilweise als außerbudgetärer Fonds für Operationen und Bedürfnisse des Sicherheitsapparats dienten. Für die Zeit nach 1966 wird eine verstärkte Vernichtung von Finanzunterlagen erwähnt, was als Versuch gedeutet wird, die Spuren des Ausmaßes der Ausbeutung zu verwischen.

Aufgrund dieser Quellenlage können wir den Mechanismus heute relativ klar beschreiben, den genauen Umfang der Produktion und der erzielten Gewinne aber nur schwer rekonstruieren.

Das Plenum von Brioni (1. Juli 1966) und das Ausbleiben von Verantwortung

Das Plenum von Brioni (IV. Plenum des Zentralkomitees des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens – CK SKJ) fand am 1. Juli 1966 auf den Brijuni-Inseln statt. Es war eine Sitzung der höchsten Parteifunktionäre, auf der Entscheidungen mit unmittelbarer Wirkung auf den Staatsapparat getroffen wurden. Unter dem Vorsitz von Josip Broz Tito wurde damals die Frage der Tätigkeit der Sicherheitsdienste und der sogenannten „AbhöraffäreAbhöraffäre (1966)Der Vorwurf, der Sicherheitsapparat habe Tito und die Staatsführung illegal abgehört; er diente als entscheidender Anlass für die Absetzung Aleksandar Rankovićs auf dem Plenum von Brioni. Die Verdachtsmomente wurden in keinem öffentlichen Verfahren gerichtlich vollständig bewiesen.“ aufgeworfen, woraufhin Aleksandar Ranković abgesetzt und die Macht des Staatssicherheitsdienstes (SDB; früher UDBA – siehe Namen der UDBANamen der UDBADie OZNA wurde 1946 zur UDB/UDBA (Uprava državne bezbednosti, umgangssprachlich „Udba“) umgebildet; nach 1966 änderte sich der Name in SDB/SDS (Staatssicherheitsdienst).) formal beschränkt wurde.

Einzelnen Angaben und Deutungen zufolge wurden in diesem Rahmen auch Fragen der finanziellen Macht des Sicherheitsapparats berührt, darunter die mit Goli otok verbundenen Einnahmen und die aus Zwangsarbeit entstandenen Fonds, verbunden mit dem Verdacht auf Unterschlagungen.

Zugleich wird das Ausbleiben entscheidender Konsequenzen betont: Gegen Ranković wurde kein Gerichtsverfahren eröffnet, das Lagersystem wurde nicht systematisch untersucht, und die wirtschaftliche Dimension der Zwangsarbeit blieb außerhalb des politischen und juristischen Blickfelds. Ein weiteres Problem ist die Behauptung, dass gerade damals die Vernichtung von Finanzunterlagen zunahm, was die Rekonstruktion der Finanzströme und des Ausmaßes der „Lagerwirtschaft“ heute erschwert.

Warum es heute wichtig ist, über den Gewinn zu sprechen

Die Rekonstruktion des Unternehmens „Mermer“ ist wichtig, weil sie die doppelte Funktion des Lagers zeigt: politische Repression und planmäßige wirtschaftliche Ausbeutung. Sie macht auch sichtbar, wie der Sicherheitsapparat außerordentliche Fonds außerhalb der üblichen Kontrolle schaffen konnte.

Wenn wir über den Gewinn sprechen, sprechen wir nicht nur über Zahlen, sondern über ein System, in dem die Zwangsarbeit politischer Gefangener in Nutzen für Institutionen verwandelt wurde – ohne Entlohnung und ohne Wiedergutmachung.

Warum es wichtig ist, über den Gewinn zu sprechen

Begriffe

Aleksandar Ranković (1909–1983)
Jugoslawischer kommunistischer Politiker, langjähriger Chef des Sicherheitsapparats (der UDBA), enger Mitarbeiter Titos und von 1963 bis 1966 Vizepräsident der SFRJ.
UDBA
Verwaltung für Staatssicherheit (Uprava državne bezbednosti) – jugoslawische politische Geheimpolizei, zuständig für die Überwachung und Verfolgung tatsächlicher oder vermeintlicher Gegner des Regimes.
Abhöraffäre (1966)
Der Vorwurf, der Sicherheitsapparat habe Tito und die Staatsführung illegal abgehört; er diente als entscheidender Anlass für die Absetzung Aleksandar Rankovićs auf dem Plenum von Brioni. Die Verdachtsmomente wurden in keinem öffentlichen Verfahren gerichtlich vollständig bewiesen.
Namen der UDBA
Die OZNA wurde 1946 zur UDB/UDBA (Uprava državne bezbednosti, umgangssprachlich „Udba“) umgebildet; nach 1966 änderte sich der Name in SDB/SDS (Staatssicherheitsdienst).